RE: Emanzipation?! / Emancipation?!
PS
Gemini spuckte mir auf gezielte Nachfrage das hier aus:
Ja, Manon Garcia bezieht sich in ihrem aktuellen Werk „Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess“ (2025) ganz explizit auf Hannah Arendt und deren Analyse des Eichmann-Prozesses.
Sie nutzt Arendts Formel von der „Banalität des Bösen“ als theoretische Schablone, um die erschreckende Durchschnittlichkeit der Täter im Fall Gisèle Pelicot zu erklären. Hier sind die Details dieser Parallele:
Die „Banalität des Männlichen“
Garcia prägt in Anlehnung an Arendt den Begriff der „Banalität des Männlichen“ (im Französischen ein Wortspiel: la banalité du mal / la banalité du mâle). Damit beschreibt sie folgende Beobachtungen:
- Die Normalität der Täter: Genau wie Arendt bei Adolf Eichmann schockiert war, dass er kein „Dämon“, sondern ein erschreckend gewöhnlicher Bürokrat war, stellt Garcia fest, dass die über 80 Männer im Pelicot-Fall keine sozialen Außenseiter waren. Es waren Familienväter, Handwerker und Nachbarn – ein Querschnitt der Gesellschaft.
- Abwesenheit von Denken: Arendt sah die Wurzel des Bösen in der Unfähigkeit oder Unwilligkeit zu denken und sich in andere hineinzuversetzen. Garcia überträgt dies auf die Täter in Mazan: Diese hätten oft gar nicht realisiert, dass sie Vergewaltiger sind, weil sie ihr Handeln innerhalb patriarchaler Logiken (wie dem „Verfügungsrecht“ über eine Frau) nicht mehr hinterfragt haben.
- Systemische Verstrickung: So wie Arendt die „allseitige Verstrickung“ der deutschen Gesellschaft im Nationalsozialismus beschrieb, sieht Garcia eine „nahezu allseitige Verstrickung“ der Männer im Patriarchat. Das System ermöglicht und normalisiert die Gewalt, solange das Individuum nicht aktiv dagegen anreist.
Unterschiede in der Analyse
Obwohl Garcia die methodische Herangehensweise von Arendt übernimmt, gibt es einen feinen Unterschied: Während Arendt das Böse als „oberflächlich“ beschrieb (weil es keine Tiefe oder Wurzeln im Sinne einer großen Ideologie habe), sieht Garcia die Gewalt gegen Frauen als tief verwurzelt in einer jahrtausendealten Herrschaftsstruktur – dem Patriarchat.
Wenn diese Beschreibung so zutrifft, dann argumentiert Manon Garcia trotz (wegen??) des hübschen französischen Wortspiels meiner Meinung nach zu flach.
Während Eichmann ein Schreibtisch-Täter war, der persönlich keinem Menschen etwas zuleide getan hat, sprechen wir im Zusammenhang mit dem Mazan-Prozess von solchen Tätern, die etwas nicht nur organisiert, sondern tätlich ausgeführt haben. Eichmann in seiner Gedankenlosigkeit gleicht den Lokführern der von ihm organisierten Transporte, aber nicht dem KZ-Personal.
Die Täter von Mazan wussten sehr wohl, was sie ausführten. Dass ihre Verteidiger die wahren Motive (den Kick einer inszenierten Vergewaltigung, das zustimmungsbefreite Ausleben von Fantasien) hinter Unwissenheit über die mangelnde Zustimmung des Opfers verschleiern wollten, sollte niemand über diese rein juristische Scharade im Unklaren lassen.
Auch ein Angeklagter, der dem Richter antwortete, er habe sich nicht in die bewusstlos vergewaltigte Frau hinein versetzen können, darf nicht eins zu eins so wahrgenommen werden, als habe er seine persönliche Wahrheit ausgesprochen. Vielmehr dürfte er auf Anraten seiner Verteidung entsprechend geantwortet haben, um belastenden Nachfragen des Richtes zu entgehen.
Ich denke, Manon Garcia hat sich mit dieser Prozess-Beobachtung überfordert.