😈 𝗗𝗲𝗿 𝗧𝗲𝘂𝗳𝗲𝗹 𝘄𝗮𝗿 𝘇𝘂 𝗕𝗲𝘀𝘂𝗰𝗵

in #deutsch14 hours ago

𝗺𝗲𝗶𝗻 𝗮𝘂𝘀𝗳ü𝗵𝗿𝗹𝗶𝗰𝗵𝗲𝗿 𝗕𝗲𝗿𝗶𝗰𝗵𝘁 ü𝗯𝗲𝗿 𝗛𝗲𝗿𝗿𝗻 𝗡𝗮𝘁𝗮𝘀

Ich weiß, ihr wartet natürlich alle schon ganz gespannt darauf, dass ich endlich über den Besuch von Herrn Natas berichte. Einige von euch konnten bestimmt schon nicht mehr schlafen, andere haben vermutlich vorsichtshalber Weihwasser neben das Handy gestellt. Also gut, hier kommt nun mein ausführlicher Bericht über sein gestriges Erscheinen.

Ich saß im Wohnzimmer, machte meine Buchhaltung und hatte ehrlich gesagt gar nicht mehr groß an den liebenswerten Herrn gedacht, der gestern im Rewe so selbstlos meine Rechnung übernommen hatte. Es war schon spät, sicherlich gegen 21 Uhr, und plötzlich hörte ich es: dreimal Klopfen an der Tür. Aber nicht so ein normales Klopfen, wie wenn der Nachbar fragt, ob man mal kurz ein Ei hat. Nein. Das klang eher so, als hätte jemand mit einem Vorschlaghammer an das Tor zur Hölle geklopft. WUM. WUM. WUM.

Ich dachte nur: Was ist denn jetzt schon wieder los? Hat der Pfandautomat Anzeige erstattet? Steht Rewe vor der Tür und will den Restbetrag doch noch eintreiben? Oder hat meine Freundin wieder irgendwas bestellt, was angeblich lebensnotwendig ist, obwohl wir seit 40 Jahren auch ohne überlebt haben?

Ich ging also zur Tür, und da stand er. Der adrett gekleidete Herr Natas. Anzug, Schuhe, Sonnenbrille, alles vom Feinsten. Seine Klamotten haben vermutlich mehr gekostet als mein ganzes Wohnmobil, inklusive Inhalt, Rost und den Dingen, von denen man lieber nicht wissen will, warum sie dort seit Jahren liegen. Er fragte ganz freundlich, ob er hereinkommen dürfe. Wir hätten ja noch einiges zu besprechen, wegen des Kontrakts, dem ich ja zugestimmt hätte, als er netterweise meine Rechnung übernommen hatte.

Ich sagte: „Kein Problem, kommen Sie herein. Aber dann erklären Sie mir als Erstes mal, was überhaupt ein Kontrakt ist.“ Er lachte dabei so komisch hinterhältig, nahm beim Eintreten seine Sonnenbrille ab, und da sah ich es schon wieder: dieses seltsame Funkeln in seinen Augen.

Im Wohnzimmer angekommen, fragte er mich dann, ob ich mir vorstellen könne, wer er sei. Ich sagte: „Na ja, ein netter Mensch. Sicherlich auch ein Ossi, denn die halten ja zusammen und helfen sich gegenseitig.“ Er lächelte nur und meinte: „Nein, nein. Ich bin viel älter. Viel, viel älter.“

Dann fragte er, ob mir sein Name denn gar nichts sage. Es sei einer von vielen Namen, unter denen man ihn kennt. Vor allem dann, wenn man ihn andersherum liest. Nun wisst ihr ja, ich bin nicht mehr der Hellste in der Birne, und manchmal ist mein Kopf eher so Windows 95 mit schlechter Internetverbindung. Also buchstabierte ich ganz langsam rückwärts: N-a-t-a-s … S-a-t-a-n.

Da dachte ich: Na wunderbar. Erst übernimmt mir einer die Rechnung im Rewe, und nun steht Satan in meinem Wohnzimmer. Andere sammeln Bonuspunkte, ich sammle offenbar übernatürliche Vertragsprobleme.

Ich sagte zu ihm: „Du bist doch nicht der Teufel. Ein Teufel ist doch nicht so nett.“ Und weil man im Leben ja manchmal Dinge sagt, die man besser vorher mit einem Anwalt, einem Pfarrer und einem erfahrenen Ossi abgestimmt hätte, meinte ich noch: „Wenn du wirklich der Teufel bist, dann verstell dich hier nicht, sondern zeig dich ruhig mal in deiner Originalgestalt.“

Tja. Selber schuld. So etwas sollte man nicht sagen, wenn man gerade den CEO der Unterwelt im Wohnzimmer stehen hat.

Und zack, da saß er plötzlich auf meiner Couch. Der Teufel in Person. Mit Hörnern, einer ziemlich unförmigen Gestalt und einem Gesichtsausdruck, als hätte er gerade die Kommentarspalte unter einem meiner Beiträge gelesen. Ich muss sagen, ganz ehrlich: So richtig geschockt war ich trotzdem nicht. Ich bin seit 40 Jahren mit meinem Anhängsel, also meiner Freundin, zusammen. Da bringt einen ein bisschen Höllenfeuer im Wohnzimmer auch nicht mehr aus der Fassung.

Ich sagte: „Okay, ich glaube es dir. Und nun? Willst du mich mitnehmen? Kommt jetzt die ewige Verdammnis? Und warum eigentlich ausgerechnet ich? Es gibt doch nun wirklich genug Leute im Internet, bei denen man nicht lange suchen muss.“

Er meinte: „Ganz schön viele Fragen für jemanden, der eben noch nicht mal wusste, was ein Kontrakt ist. Aber gut, ich habe etwas Zeit für ein Schwätzchen.“ Dann erzählte er, dass er vor vielen Jahren beim abendlichen Surfen im Internet in seinem Büro in der Hölle über einen meiner Beiträge gestolpert sei. Seitdem folge er mir regelmäßig. Ich war natürlich kurz stolz. Wenn einen schon der Teufel abonniert, dann muss man irgendwas richtig machen. Oder ganz gewaltig falsch. Bei Facebook ist das ja oft dasselbe.

Er sagte, ich müsse mir im Moment keine Sorgen machen, dass er mich gleich mitnimmt. Das werde sich später entscheiden, ob ich bei ihm lande oder bei der Konkurrenz oben, bei den weißen Flattertypen im Himmel, zu denen er früher ja auch mal gehört hat. Ich sagte: „Na dann hoffe ich mal, dass dort oben wenigstens das WLAN besser ist.“ Da grinste er nur. Kein gutes Zeichen.

Das Einzige, was er von mir wolle: Ich solle weiter meine Beiträge veröffentlichen. Und zwar so viele wie möglich. Denn meine Beiträge würden das Böse im Menschen wecken, etwas, das er selbst gar nicht mehr so richtig hinbekommt. Er meinte, früher hätte man dafür große Versuchungen gebraucht. Heute reicht ein Facebook-Beitrag, ein paar Sätze über DDR, Bürgergeld, Burgerpreise oder Pfandflaschen, und schon schreiben wildfremde Menschen Dinge, bei denen selbst die Hölle kurz fragt: „Meinen die das wirklich ernst?“

Und so könne er ganz bequem erkennen, wer sich durch seine boshaften Kommentare praktisch selbst dafür bewirbt, später bei ihm in der unteren Etage zu landen und im Höllenfeuer der ewigen Verdammnis dahinzuvegetieren. Ich muss sagen, das System ist nicht dumm. Früher musste man Seelen noch mühsam suchen, heute liefern sie sich freiwillig mit Profilbild und Rechtschreibfehlern aus.

Dann fragte ich ihn, was denn die schlimmste Strafe in der Hölle sei. Er grinste und sagte: „Jeder bekommt dort das modernste Smartphone. Aber keiner bekommt das WLAN-Passwort.“ Ich saß kurz sprachlos da. Also wirklich sprachlos. Höllenfeuer, ewige Verdammnis, Ketten, Schreie – geschenkt. Aber ein Smartphone ohne WLAN? Das ist schon sehr nah an moderner deutscher Verwaltung.

Ich dachte mir: Damit kann ich leben. Also nicht mit der Hölle, aber mit dem Deal. Ich höre mich ja selber gerne reden, und mein eigenes Geschreibsel lese ich mir auch gerne mehrmals durch. Ich sagte also: „Gut, Deal. Gib her, was immer ich unterschreiben soll. Aber hoffentlich nicht mit Blut. Ich nehme Blutverdünner, das endet sonst in einer Katastrophe, und am Ende müssen wir noch den Teppich reinigen.“

Er meinte: „Nein, nein, die Zeiten sind längst vorbei.“ Dann schnippte er einmal mit den Fingern, und plötzlich lag eine Mappe vor mir. Darin stand, dass ich verpflichtet sei, weiterhin auf Facebook Beiträge zu veröffentlichen, die andere dazu animieren, sich in den Kommentaren komplett zu entblößen. Geistig natürlich. Wobei man bei manchen Kommentaren auch nicht mehr sicher ist, was schlimmer wäre.

Ich las mir das Ganze durch. Ging erstaunlich schnell. Keine 47 Seiten Kleingedrucktes, keine Datenschutzbelehrung, keine Cookie-Einstellungen. Da könnten sich manche deutschen Behörden mal ein Beispiel nehmen. Ich unterschrieb also, und damit war der Vertrag besiegelt. Nicht mit Blut, sondern ganz altmodisch mit Kugelschreiber. Man muss ja nicht aus allem ein Drama machen.

Natürlich wollte ich noch wissen, mit wem er denn sonst noch solche Verträge abgeschlossen hat und wer bei ihm unten schon alles untergebracht ist. Er lehnte sich zurück und meinte nur: „Du würdest dich wundern. Aber dazu äußere ich mich lieber nicht. Es gibt Dinge, die selbst ich nicht öffentlich ausspreche.“ Dann sagte er, ich solle einfach mal die Tagesschau einschalten, wenn es Live-Berichte aus dem Bundestag gibt. Mehr müsse er dazu nicht sagen.

Ich fragte: „Alle?“ Er grinste. „Alle nicht. Aber genug, dass sich unten bereits ein eigener Konferenzraum gelohnt hat.“ Dann lachte er so laut, dass es vermutlich bis runter ins Dorf zu hören war. Wahrscheinlich dachten die Nachbarn, ich hätte wieder ein Video aufgenommen oder mit meiner Freundin über Haushaltsorganisation gesprochen.

Irgendwann meinte er dann, er habe sich schon länger aufgehalten als geplant. Er müsse noch einige andere besuchen. Vermutlich Menschen, die im Internet Nettigkeiten schreiben. Oder Leute, die unter jedem Beitrag kommentieren, ohne ihn gelesen zu haben. Also im Grunde eine sehr lange Liste.

Beim Abschied fragte ich ihn noch, ob wir uns denn wiedersehen. Er drehte sich um, dieses Funkeln ein letztes Mal in den Augen, und sagte: „Das liegt nicht an mir, alter Mann. Das liegt einzig und allein an dir.“

Dann war er weg. Einfach so. Kein Rauch, kein Blitz, kein dramatischer Abgang. Nur ein leichter Schwefelgeruch im Flur und das ungute Gefühl, dass ich vielleicht gerade den wichtigsten Vertrag meines Lebens unterschrieben habe. Andererseits: Wenn ich dafür weiter schreiben darf und einige Kommentarschreiber sich selbst für die Hölle qualifizieren, dann ist das ja fast schon ein soziales Projekt.

Also macht ruhig weiter wie bisher. Kommentiert, schimpft, empört euch, verdreht mir die Worte im Mund und beweist dem Herrn Natas, dass seine Investition in meine Rewe-Rechnung nicht umsonst war. Ich sitze derweil hier, schreibe weiter meine Beiträge und hoffe, dass ich am Ende wenigstens irgendwo lande, wo es WLAN gibt.


Veröffentlicht mit Welako